Thematische Vertiefung

»Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.«
(Augustin)

Innehalten

Die Exerzitien beginnen immer mit einer Phase des Innehaltens. Ein Moment der Stille, den Atem nachspüren, achtsam werden für Gottes Gegenwart. Es ist nicht leicht, in diesen Momenten zur Ruhe zu kommen. 1000 Gedanken prasseln ein. Der Kopf ist voll. Die Seele aufgewühlt. Wie kehrt Frieden ein?

Das Herzensgebet

Große spirituelle Lehrer im Christentum haben einfache Gebetsformen entwickelt, die durch häufiges Wiederholen tief ins Herz einsickern. Die frühen christlichen Wüsteneinsiedler wählten Worte aus den Psalmen »Der Herr ist mein Hirte.« Johannes Cassianus (etwa 360-435) brachte diese Art in das westliche Christentum. Er wählte Worte aus Psalm 70,2: »Gott, komm mir zu Hilfe. Herr, eile mir zu helfen.« Benedikt von Nursia (480-547), auf den das benediktinische Mönchtum zurückgeht, übernahm diese Gebetsform für sein Kloster. Mit diesem Gebet beginnen noch heute die Gebetszeiten der Benediktiner. Franz von Assisi (1181-1226), der Gründer des Franziskaner-Ordens, betete Nächte durch mit dem Mantra »Gott, Du mein Ein und Alles.« Der Gründer des Jesuiten-Ordens Ignatius von Loyola (1491-1556) lehrte seine Schüler das Herzensgebet zusammen mit einer Atemtechnik. Er gab ihnen u.a. das Jesusgebet »Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner«. Alle orthodoxen Mönche und Nonnen beten bis zum heutigen Tag ununterbrochen das Jesusgebet »Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner«.

Der tiefere Sinn

Versuche einmal 5 Minuten lang nichts zu denken! Notiere danach, was dir »trotzdem« alles durch den Kopf gegangen ist. Wir sind voll von Gedanken. Und nicht selten sind sie sorgenvoll und negativ. In  unserer Kultur lernen wir analytisch und differenziert zu denken. Doch niemand bringt uns bei, dieses Werkzeug für ein paar Minuten beiseite zu legen. Das wäre sinnvoll, um ruhig einzuschlafen, um Sorgen beiseite zu legen, um gelassen einer kritischen Situation entgegenzugehen oder um die Umgebung zu genießen. Das Werkzeug beherrscht uns.

Das Ziel der betenden christlichen Mönche und Nonnen ist ein mentaler und emotionaler Zustand von Ruhe (griechisch: »hesychia«), Gelassenheit und Friede, Konzentration und Öffnung des Geistes für Gottes Gegenwart.

Ein Übungsweg mit dem Herzensgebet

Du kannst wählen zwischen der Langfassung (in unterschiedlichen Längen): »Jesus Christus, erbarme dich meiner« Die Formel ist über 1500 Jahre alt und führt Sie in das Kraftfeld der Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Sie ist bis heute die mystische Formel aller orthodoxen Mönche, Nonnen und Einsiedler. Oder du betest mit der konzentrierten Kurzform: »Jesus Christus«

Oder du findest eigene Worte wie zum Beispiel: »Liebe umgibt mich.« – »(Ich bin) geborgen in Liebe.« – »Du in mir. Ich in dir.« Diese oder andere selbstgewählte Gebete nehmen die heilenden und befreienden Inhalte des Evangeliums in individueller Art und Weise auf. Wo spürst du Resonanz? Beachte dabei, die Ist-Form zu wählen und deine Worte so zu formen, dass sie im Einklang mit deinem Atemrhythmus sind.

Versuche ohne innere Bilder zu üben und suche keine speziellen emotionalen oder spirituellen Erlebnisse. Bilder halten den Geist in bekannten Strukturen fest. Konkrete Erwartungen verhindern Neues.

Sprich dein Herzensgebet integrativ! Beziehe jeden Stresspunkt, jede Sorge, jede Angst in dein Gebet mit ein. Dadurch vermeidest du, dich in einer »heiligen Parallelwelt« zu bewegen. Wir leben hier und jetzt in einer Welt mit Brüchen und Unvollkommenheiten. »There’s a crack in everything - that’s where the light gets in«. (Leonard Cohen).

Die Verbindung mit deinem Atem

Verbinde das Sprechen des Herzensgebetes mit deinem Atem. Verändere nicht deinen Atemrhythmus. Der Einklang mit dem natürlichen Rhythmus schafft Ruhe. Die frühen christlichen Mönche waren genaue Beobachter und dadurch gute Psychologen. Faktisch nutzten sie die Lehre von der »Klassischen Konditionierung« durch die Verkopplung zweier Reize miteinander. Sie koppelten Reiz A: das Sprechen des Herzensgebets an einen Reiz B: an die gleichzeitige Konzentration auf den Atemfluss.

Reiz A: Konzentration auf den Jesus-Namen
Reiz B: Konzentration auf den Atem

Nach einer Konditionierungsphase reicht das Atmen aus, damit das Gebet weiter innerlich erklingt. Die Mönche haben so die alte biblische Einladung re-vitalisiert: »Betet ohne Unterlass«  (1. Thessalonicher 5,17).

Dr. Sabine Bobert, in: Dokumentation der Fachtagung des EKD-Zentrums für Mission in der Region, 2014 (leicht verändert)

 

Immerfort empfange ich mich
aus Deiner Hand.
Das ist meine Wahrheit
und meine Freude.
Immerfort blickt Dein Auge mich an,
und ich lebe aus Deinem Blick,
Du mein Schöpfer
und mein Heil.
Lehre mich,
in der Stille Deiner Gegenwart
das Geheimnis zu verstehen,
dass ich bin.
Und dass ich bin
durch Dich
und vor Dir
und für Dich.

Romano Guardini

»Was willst du, das ich für dich tun soll?«  (Jesus in Lukas 18.21)
Wonach sehnst du dich in diesem Moment (und darüber hinaus)?

Diese einfache und tiefe Frage ist in allen Übungszeiten der Exerzitien ein zentraler Bestandteil. Sie kommt aus der ignatianischen Spiritualität und verkörpert die Bitte, dass sich das ganze Leben von Gott her entfalten möge: »Wonach ich mich sehne – jetzt in dieser Zeit und darüber hinaus.« Hilfreich ist, nicht schon bei dem Ersten, was innerlich aufsteigt, zu bleiben - sondern zu warten, ob sich dahinter vielleicht noch eine tiefere Sehnsucht meldet. Was spürst du in deinem Körper? Welche Sehnsucht verbindet dich mit Gott? Kommen dir Bilder in den Sinn?

Wenn sich Bilder mit deiner Sehnsucht verbinden, nimm sie mit allen Sinnen wahr. Spüre es körperlich. Versuch, in diesem Zustand einige Momente zu verweilen. Wenn dich Geräusche oder Gedanken ablenken, akzeptiere sie einfach und kehre in die Szene zurück.

Die Kraft der inneren Bilder

Prof. Dr. Wolf Singer vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung begründet den Sinn der inneren Arbeit mit Bildern damit, das kernspintomographische Untersuchungen zeigen, wie die Hirnaktivität (wenn man sich ein Objekt bildlich vorstellt) bis ins Detail jenen gleichen, die man findet, wenn dasselbe Objekt mit offenen Augen betrachtet wird. Die Szenen, an die wir uns erinnern oder die wir uns vorstellen, sind für das Gehirn real. Unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen äußerer und innerer Wirklichkeit, wenn die Bilder der inneren Wirklichkeit klar und stark genug sind. Sie sind bis in körperliche Prozesse hinein wahrzunehmen. »Wenn du träumst, dass du fliegst, beschleunigt sich dein Puls genauso, als würdest du tatsächlich fliegen«. Für dein Gehirn, und damit auch für dein Herz, ist die Erfahrung real.

Dein inneres Bild

Wonach sehnst du dich? Welche Sehnsucht verbindet dich mit Gott? Kommt dir dazu ein inneres Bild, das dich berührt? Gib diesem Bild deiner Sehnsucht in den Exerzitien Raum. Spüre es mit allen Sinnen. Du kannst es darüber hinaus auch jederzeit in dein Bewusstsein holen. Wo auch immer du bist. Nimm es mit in deinen Alltag. Erspüre Gottes heilende und befreiende Kraft darin.

»Dein Wort ist wie ein Licht in der Nacht, das meinen Weg erleuchtet.« (Psalm 115, 105)

Kommen dir Worte der Bibel, Lieder oder Bilder in den Sinn, die zu dir am heutigen Tag passen  könnten?

Diese Frage findet sich bei der spirituellen Übung am Morgen (M und L). Es ist eine besondere Erfahrung, wenn Bilder oder Worte der Bibel im Bewusstsein „auftauchen“ und sich mit dem Tagesgeschehen, den eigenen Stimmungen und dem »Gott-wahrnehmen« verbinden. »Dies geschieht im Vertrauen, dass in der passiv-kontemplativen Offenheit das Entscheidende durch den Geist Gottes  von innen heraus geschieht.« (Peter Hundertmark). Es entsteht Resonanz. Wir sind berührt.

Wenn dir kein Impuls kommt, kannst du dir eine Inspiration schenken lassen. Sie schöpft aus einer Sammlung von Worten der Bibel. Wie können diese Worte ihre Kraft entfalten?

Das Geheimnis der Sprache.

Vielleicht kennst du die Erfahrung, wenn ein professioneller Schauspieler einen Text vorliest. Es fühlt sich an, als würden sich Welten auftun an Bildern und Gefühlen. Lesen ist nicht gleich lesen. Selbst wenn wir einen Text kennen, ist plötzlich alles anders, wenn er »wirklich« gelesen wird. Stell dir vor: Ein Bibeltext wird gelesen und die Menschen sind fasziniert davon, was ihnen da vorgelesen bzw. erzählt wird. Warum eigentlich nicht? Oder: Du selbst liest einen Bibeltext vor und staunst, dass er sich ganz anders anfühlt, als würdest du ihn schnell und leise für dich lesen.

Unsere Sprache hat ganz verschiedene Dimensionen. Wenn wir einen Text – biblisch oder auch profan – im normalen Sprechtempo lesen, dann schaltet unser Inneres auf »Information«.  Informationen nimmt man zur Kenntnis, man kann sie notieren und sich vornehmen, später einmal darüber nachzudenken.

Das ändert sich sofort, wenn das Sprechtempo deutlich reduziert wird. Die hebräische Theologie sagt: Jedes Wort ist ein Ereignis. Es hat die Kraft in sich, den Inhalt, den es beim Namen nennt, auch gleich mitzubringen. Wer also den Namen Gottes nennt, der »informiert« mich nicht bloß darüber, dass Gott da ist. Im Nennen des Namens zeigt sich Gott selbst und wird präsent. Das bedeutet aber: Worte benötigen ihre Zeit. Sie benötigen einen Raum, damit sie sich entfalten und gehört werden können. Anders gesagt: »Die einfachste Übung christlicher Spiritualität besteht darin, einen biblischen Text laut und langsam zu lesen und sich selbst dabei zuzuhören.« (Wolfgang Bittner)

Zwei Vorstellungen können dir helfen.

Stell dir vor, dass vor dir eine große weiße Leinwand steht. Jedes Wort ist wie ein Pinselstrich – und langsam, Wort für Wort, entsteht das ganze Bild vor deinen inneren Augen. Ein anderer Zugang: Stell dir vor, deine innere Welt ist wie ein Orchester oder eine Band: Jedes Wort ist wie eine Melodie. Ich höre hin, wie das klingt: manchmal sanft und manchmal hart, manchmal leise und manchmal laut, manchmal beruhigend und manchmal verstörend. Ich höre einfach hin, was da beim Hören der Worte in meinem Inneren klingt.

Eine einfache geistliche Übung besteht darin, einen biblischen Text nicht im normalen Sprechtempo sondern ganz langsam – jeweils in bildhaften Sinneinheiten – sich selbst laut vorzulesen. Laut, das heißt: Ich höre die einzelnen Worte, höre mir selbst zu. Eine solche spirituelle Übung hilft, die äußere und innere Hektik zu unterbrechen und in eine innere Ruhe, in eine Erfahrung der Gegenwart Gottes einzutauchen. Oder anders: Wir überschreiten die Dimension des Wissens hin zur Dimension der Erfahrung.

(Wolfgang Bittner)